Das Gesundungswerk ab 1860

Es musste damals ernsthaft gefragt werden, wie die Städte bei immer schneller zunehmender Industrialisierung und Bevölkerung ohne energische Massnahmen weiter existieren sollten. Basel zählte 1779 noch 15'040 Einwohner, 1860 bereits 37'915; den Unmut einiger Bewohner über die Entfremdung innerhalb der eigenen Stadt hätte man noch hingenommen. Schlimmer waren die Epidemien, die auch Basel nicht verschonten: 1855 Cholera, 1865/66 Typhus. In Basel stellte 1856 ein eigener Cholera-Ausschuss schliesslich lakonisch fest: "Dass aber in einer Stadt, deren Bevölkerung in einzelnen Strassen seit einem Menschenalter sich mehr als verdoppelt hat und ferner steigen wird, bestimmte Vorschriften nöthig werden, (...) ist einleuchtend" (General-Bericht des Cholera-Ausschusses an den E. Kleinen Rat, 1856, S. 112). Der öffentliche Chemiker Basels, Friedrich Goppelsroeder, stellte eine grundlegende Infektion des Bodens und damit des Grundwassers fest. Auch die schlechte Luft wurde hervorgehoben, die ebenfalls Krankheitserreger verbreitete. Die Stadt war also im wahrsten Sinn des Wortes krank. Was folgen musste, war ein tiefgreifendes "Gesundungswerk".

Unter "Stadtgesundung" verstand das 19. Jahrhundert in erster Linie eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und damit den Ausbau der Wasserversorgung, der Entwässerung, der Beachtung guter Luft- und Lichtverhältnisse. Der Berner Arzt Adolf Vogt forderte, dass von nun an auch Ärzte als Sachverständige zu Fragen der Stadtplanung herbeigezogen würden. So kam es zu einem Erfahrungsaustausch zwischen Architekten, Ingenieueren, Ärzten, Fabrikanten und Politikern. Damit aber die gewonnenen Erkenntnisse im Wohnungs- und Städtebau umgesetzt werden konnten, bedurfte es des Ausbaus der Gesetzgebung, was wiederum eine gewisse Einschränkung bisher unangetasteter privater Freiheiten und Rechte mit sich brachte. Entwicklungen uns Abstimmungen verliefen entsprechend nicht kampflos; als beispielsweise 1876 die Volksabstimmung über das Kanalisationsgesetz kam, lehnten die Basler es mit einem Mehr von 4:1 ab. Die Bürger fürchteten offenbar den grossen Einfluss öffentlicher Kanäle auf die Stadtplanung mehr als die Epidemien!

Dort wo der Stadtplaner generell damals freie Hand hatte, ging er rücksichtslos vor. Neue Quartierstrassen legte er am liebsten nach dem wirtschaftlichsten Verlauf eines vorher festgelegten Kanalisationssystems an. Architekten und Ingenieure träumten von Strassen, die schnurgerade verlaufen sollten. Als die Stadtmauern Stück für Stück der Spitzhacke zum Opfer fielen, stiessen gerasterte Vorstadtquartiere an eine nun ungeschützte Altstadtsubstanz an. Die Befürchtung, dass nun Stadtplaner auch in diese Altstadtsubstanz solche gerasterten Achsen hineintreiben könnten, veranlasste vermutlichen einen grösseren Teil der Bevölkerung 1876 zur Ablehnung des Basler Kanalisationsgesetzes.

Zur Luftverbesserung von Basel entwarf 1860 der Hofgärtner Karl Effner einen erstaunlich rigorosen Begrünungs- und Baumbepflanzungsplan. Auch wenn die meisten Vorschläge Effners nicht verwirklicht wurden, so blieb seine Grundidee bestehen, Bauten aus dem angestammten städtischen Bauverband herauszulösen und zu umgrünen, über Generationen hinweg bestehen.

Siehe auch: Stadterweiterung

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