Gasthof zum Wilden Mann

Der Löffelplan zeigt, dass die Liegenschaft des Wilden Mannes bis zum Schlüsselberg reichte.

Das Mittelalter liebte es sehr, auf seine Hausschilde Bilder mit recht fremdartigem Inhalt malen zu lassen. Es war nicht sowohl die Naivität der Hausbesitzer, die sich in diesen grotesken Bildern kund gab, vielmehr die berechnende Schlauheit, durch ausserordentliche Mittel die Käufer und Gäste heranzuziehen. Wer weniger erfindungsreich war, liess etwa die Farbe seines Lieblingstiers ändern und erhielt so einen roten Löwen, einen goldenen Adler, einen grünen Ochsen; andere nahmen unbekannte Tiere, denen man die wunderlichsten Eigenschaften zuschrieb, den Vogel Strauss, den Phönix, das Einhorn usw. Eigentümlich ist, dass in Basel der Basilisk nirgends als Wirtshausschild gewählt wurde und dass der Wilde Mann in Grossbasel auftauchte, während er doch zu den Ehrenzeichen Kleinbasels gehörte, von denen eines, der Leu, bereits eine Anerkennung im Wirtshaus zum Roten Löwen erhalten hatte.

Der "Wilde Mann" lag an der Münsterbergseite der Freien Strasse (Nr. 35), links und rechts von Privatgebäuden flankiert, hinten auf die Gasse des Schlüsselbergs stossend, in der Nähe der Post und im Mittelpunkt der Stadt. Das Haus bestand in seinem Hauptbau aus einem Erdgeschoss und zwei Stockwerken mit sieben bis acht Fenstern und aus einem Nebenbau mit drei Stockwerken zu je drei Fenstern. Ein Hauptportal vermittelte den Eingang in den Hof, links war die grosse Gaststube, rechts von derselben drei Büros und Laden. Über dem Portal war das Bild eines wilden Mannes angebracht und eine Gasthoftafel. An dem ganzen Äussern erkennt man, dass der Bau aus drei Häusern zusammengesetzt war und wenig Symmetrie aufwies, zumal er im Lauf der Jahre vielfach umgebaut und verändert wurde. Dabei wurden jedoch die alten Böden mit ihrem Gebälk grösstenteils beibehalten und Zwischenwände herausgerissen, wodurch natürlich die darüber liegenden Balken bedeutend geschwächt wurden. Dies scheint bei Einrichtung des grossen Speisesaals im ersten Stock der Fall gewesen zu sein. Seit Jahrhunderten diente er den Zwecken der Fremdenbeherbergung und erst seit seinem Umbau in den Jahren 1879-80 durch Herrn Jakob Sutter, dem Inhaber eines der grössten Modewaren- und Konfektionsgeschäfte der Schweiz, wurde der Wirtschaftszweck mit dem kommerziellen in einem Gebäude vereinigt zur Geltung gebracht.

Die Anfänge der Wirtschaft zum Wilden Mann

Wann der "Wilde Mann" zuerst als Wirtshaus vorkam, ist nicht genau erheblich zu machen. Die Chronik berichtet zwar von einem Hemann Gessler, dem wilden Wirt, der 1378 den Zug der Basler gegen Istein mitmachte und mit vielen anderen Kriegsgefährten ins Bürgerrecht aufgenommen wurde. "Der wilde Wirt" ist dabei wohl eher als Spitzname zu betrachten, wohl weniger als die Bezeichnung "Wirt zum Wilden Mann". Die erste Urkunde, die von dem Haus selbst Kenntnis gibt, ist noch viel älter. Bereits fünfzig Jahre nach ihrer Gründung besass die Zisterzienser-Abtei Lützel sieben Häuser mit Gärten und Rebgeländen, die ihr als Vergabungen zugefallen waren. Solche Schenkungen waren zur damaligen Zeit aus religiösen Gründen üblich. Eine dieser Liegenschaften war das Haus Nr. 35 in der Freien Strasse. Nach einer Urkunde aus dem Jahr 1397 weiss man, dass dieses Haus als "der von Lützel Hofe" und auch als "mins Herrn von lützels Hof" bezeichnet wurde. Das benachbarte Haus "Olspurg" (Olsbperg, Olsberg) genannt, wird im Jahr 1406 bereits urkundlich als zum "Lützelhof" gehörig verzeichnet. "Lützelhof" und "Olsperg" blieben bis über die Reformation hinaus im Besitz des Klosters.

Eine interessante Urkunde stammt aus dem Jahr 1452. Sie verrät, dass Hemann Buxtius aus dem Kloster Lützel vor dem Basler Schultheissen Dietrich von Sennheim erklärt, dass er im Namen des Abtes und Konvents von Lützel Haus und Hofstatt, genannt "zum hinteren Olsberg", mit allen Rechten und Zugehörden an Konrad Schlewitzer, Schaffner des Stifts der Frauen auf Burg (Münsterplatz), verkauft habe. Dieser "hintere Olsberg" bildete einen Teil des Gasthauses zum Wilden Mann und stiess einerseits an die Herrenstube zur Mücke, andererseits an die Zunft zum Himmel an der Freien Strasse.

Diese beinahe einzige Darstellung zeigt den Gasthof mit der Hofeinfahrt, dem Wirtshausschild und dem dreistöckigen Nebengebäude rechts.

Die zweite Urkunde stammt ebenfalls aus den 1450er Jahren. Die Konventbrüder Wernlin und Ursus von Lützel erheben Klage wegen der Fensterlichter des Hauses zum Drachen an der Freien Strasse und verlangen, dass dieselben zugemauert werden sollen. Der Eigentümer dieses Hauses, Heinrich Summer, legt aber Beweise vor, wonach der Abt ihm erlaubt habe, Fenster gegen den Hof des "hinteren Olsberg" auszubrechen, jedoch müssen sie so angelegt sein, dass dem Hofe kein Schaden erwachse. Im Jahre 1461 kaufte Heinrich Summer dieses Haus und damit ging es endgültig aus dem Besitz des Klosters in Privathände über.

Zum ersten Mal wird der Name eines Wirtes zum Wilden Mann in einer Urkunde vom 15. September 1547 genannt, wonach der Wirt Claudian Darmasin um 25 Pfund das Recht erhält, das Abwasser aus dem Brunnentrog auf Burg auf seine Kosten in das Wirtshaus zu leiten, jedoch ohne Schaden und Nachteil des genannten Guts.

Freud und Leid im Wilden Mann

Während der Pestzeit in den 1560er Jahren wird auch der Wilde Mann heimgesucht. Es starb an dieser Krankheit die Wirtin, Frau Karger; sie war die Tochter des Goldschmieds Hans Rudolf Fäsch, der später zum Landvogt von Waldenburg gewählt, mehrmals zu Gesandtschaften verwendet und in Folge dessen vom Kaiser Ferdinand I. geadelt wurde. Fäsch starb wie sein Sohn, der ebenfalls Landvogt war, und seine Tochter an der Pest 1564. Aber nicht nur von der Pest, sondern auch von Brandunglück wurde der Wilde Mann heimgesucht. Am 10. Januar 1720 stand das Haus in vollen Flammen. Und da das hintere Gebäude desselben unweit der Mücke lag, begaben sich die Professoren der Universität dorthin und retteten die vornehmsten Handschriften aus der öffentlichen Bibliothek der Mücke.

Der Wilde Mann war weit und breit bekannt. In einem noch grösstenteils ungedruckten Reisewerk des Königsberger Schriftstellers Kaspar Stein, der bis 1621 die meisten europäischen Länder bereiste, wird er bereits genannt. Er war mehrfach das Absteigequartier eidgenössischer Gesandtschaften; am 16. Dezember 1663 wurden die eidgenössischen Gesandten aus Zürich, welche zur Beschwörung des Bundes der Schweiz mit Ludwig XIV. nach Paris reisten, auf der Durch- und Heimreise in Basel in die Kirche geführt und beim Wilden Mann gastfrei gehalten. In Baden wohnten sie im Hintern Hof, dem vornehmsten Gasthaus der Badestadt, es ist somit anzunehmen, dass der Wilde Mann auf gleicher Rangstufe und in Basel jedenfalls in der Reihe der Gasthäuser voranstand. Anfangs Oktober 1702, zur Zeit der Schlacht von Friedlingen, kamen mit den Zuzügern aus der Eidgenossenschaft vier eidgenössische Repräsentanten aus Zürich, Bern, Freiburg und Luzern; sie wurden vom Rat mit allen Ehren empfangen und erhielten ihre Quartiere im Wilden Mann. Anlässlich des Durchmarsches des kaiserlichen Generals Mercy durch den Kanton Basel im August 1709 wurde von den eidgenössischen Repräsentanten der 13 Orte in Basel mit den Dreizehnerherren des Rates Beratung gehalten. Zu dieser Konferenz wurden die Gesandten am 7. September im Gasthof zum Wilden Mann abgeholt und aufs Rathaus begleitet.

Aus dem Jahr 1798 ist noch ein Moment erwähnenswert. Am 20. Juli traf abends um 19 Uhr der ehemalige französische Minister Necker hier ein und verreiste am 25. wieder nach Paris zur neuerlichen Übernahme des Ministeriums. Während seines Aufenthalts im Gasthof zu den Drei Königen war der Volksauflauf ein unaufhörlicher. Kurze Zeit nach seiner Ankunft traf auch die Herzogin von Polignac ein und nahm, da Necker in den Drei Königen wohnte, im Wilden Mann Quartier. Der Minister stattete ihr daselbst einen Besuch ab und blieb über eine Stunde bei ihr. Die Neugierde der Basler über diesen Besuch war so gross, dass die Leute an den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser standen, um in das Zimmer der Herzogin hineinzuschauen und womöglich aus ihren Bewegungen, der Stellung und den Gesichtszügen etwas über die politische Weltlage zu erraten.

Die Zürcher Deportierten im Wilden Mann

Das 18. Jahrhundert ging mit raschen Schritten zu Ende. Das helvetische Direktorium liess sich, von Gefahren umringt, von den beiden Räten diktatorische Gewalten erteilen, und griff im Frühjahr 1799 zu den gewaltsamsten Massregeln. Es verwies die sardinischen, österreichischen und russischen Untertanen aus der Schweiz, verletzte das Postgeheimnis, knebelte die Presse, verhängte über jeden Ausreisser, Widerspenstigen, Anstifter und Förderer eines Aufstands die Todesstrafe, und liess viele ehemalige Magistratspersonen nach Chiffon, Salins, Belfort und Hüningen abführen. Das Direktorium hatte in jedem Kanton ein Kriegsgericht aufgestellt; das Zürcher Gericht, bestehend aus elf Mitgliedern und zwei Assessoren, verfügte vom 2. bis 5. April die Verhaftung von vierzehn Patriziern und ehemaligen Regierungsmitgliedern.

Das Wirtshausschild des Wilden Mannes aus Eichenholz (ca. 1600) steht heute im historischen Museum.

Am 4. April, abends um 17 Uhr, trafen die Deportierten in Basel ein, begleitet von einer Eskorte aus 38 Jägern. Wie ein Leichentrupp fuhr der erste Trupp durch das St. Albantor ein. "Die Bevölkerung beobachtete Anstand und Diskretion. Furcht und Schrecken war auch bereits in sie gefahren, denn am gleichen 2. April war der würdige Oberstzunftmeister Merian (nach 1803 Bürgermeister von Basel) ebenfalls überfallen und ausser Basel weggeführt worden." Im Gasthof zum Wilden Mann wartete der helvetische Platzkommandant Remigi Frey auf die Deportierten, inspizierte sie und liess ihnen dann vom Wirt, Heinrich Merian, ihre Zimmer im zweiten Stock anweisen. Eine Bürgerwache von acht Mann sorgte für Bewachung und vollständige Abtrennung von der Aussenwelt. Der zweite Trupp Deportierter langte um 18 Uhr abends an und wurde im ersten Stockwerk des Wilden Mannes einquartiert. Die Deportierten verbrachten volle zwanzig Wochen im Wilden Mann. Die Behandlung seitens der Behörden, anfangs barsch und lächerlich rigoros, wurde nachsichtiger; Besuche durch patriotische oder politisch unschädlich gesinnte Freunde wurde gestattet, und als dann die Fortschritte der Österreicher in der Schweiz die helvetische Regierung zu ängstigen begannen, hatten die Deportierten bald über nichts mehr zu klagen.

Von den Zimmern, welche ihnen angewiesen worden waren, war gleich von Anfang an eines der unteren zum Speise- und Gesellschaftszimmer bestimmt, in die anderen teilten sie sich zu zweit. Nach dem Frühstück ging gewöhnlich jeder auf sein Zimmer, um sich mit Lesen zu beschäftigen; der Nachmittag war dem Lesen der Zeitungen gewidmet, die man durch den gutmütigen und dienstfertigen Wirt Merian herbeischaffte. Am Abend folgte gewöhnlich eine zeitkürzende kleine Spielpartie. Die Tafel war ganz bürgerliche Kost, und mit dem Wirt wurde für beide Mahlzeiten, das Frühstück und den Abendtee um 5 Fr. und 71 Cts täglich akkordiert. Je zu vierzehn Tagen wurde ausbezahlt, jedesmal aber mit beigefügter Protestation zu Handen der helvetischen Regierung. Für die Zimmer und die Feuerung sowohl dieser als des Corps de garde wies man den Wirt an diejenigen, auf deren Befehl man die Deportierten eingekerkert hatte.

Das schleichende Ende der Liegenschaft

1877 verlegte Jakob Sutter sein bisher an der Freien Strasse 11 betriebenes Modewaren- und Konfektionsgeschäft in den Wilden Mann. Von diesem Zeitpunkt hat der Gasthof aufgehört zu existieren. Im Jahr 1892, nach dem Tod Jakob Sutters beim Münchensteinen Eisenbahnunglück, wurde der erste Erweiterungsbau vollendet, anno 1901 der zweite. Im Jahr 1911 erwarb der "Wilde Mann" das ehemalige Zunfthaus "zum Himmel" und führte eine dritte Erweiterung durch. 1924 wurde die angrenzende Liegenschaft "zum kleinen roten Löwen" dazugekommen. Und um 1930 herum erfolgte ein weiterer Um- und Neubau, womit von der ursprünglichen Form des Gasthofes zum Wilden Mann nichts mehr übrig blieb.

Quellen:

  • Stocker 1890: 236 ff.
  • "Aus der Hausgeschichte", Basler Nachrichten Nr. 243, 1931
  • "Aus einem alten Gästebuch", Nationalzeitung, 22. Februar 1944