Platter, Thomas

Thomas Platters Leben mutet uns wie ein Märchen an. In der klassischen Autobiographie, die er 1572 als Greis geschrieben hat, schildert er in schlichter Sprache seinen ungewöhnlichen Aufstieg aus bitterster Armut zu Ansehen und Besitz. Keine Spur von Mitleid mit sich selbst findet sich darin, sondern vielmehr stolze Freude und Dankbarkeit.

Platter wurde an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert im Walliser Bergdörfchen Grächen geboren; das genaue Jahr steht nicht fest, wird aber meist auf 1499 festgelegt. Da der Vater früh starb und die Mutter gleich wieder heiratete, wohnte er bei verschiedenen Verwandten und diente ihnen als Geisshirt, wobei er oft unter Hunger, Durst und Kälte litt und mehrmals beinahe den Felsen hinunter stürzte. Mit acht Jahren kam er als Verdingkind zu einem Bauern und dann zu einem Priester, von dem er jedoch mehr Prügel als Unterricht bekommen sollte.

Einen zweiten Abschnitt in Platters Leben bilden die Wanderjahre mit den fahrenden Scholaren. Unter unvorstellbaren Strapazen zogen diese Burschen kreuz und quer durch ganz Deutschland, vom Elsass bis nach Sachsen und Schlesien, dazwischen wieder heim in die Schweiz und ins Wallis. Die jungen Studenten, die "Schützen", wurden dabei von den älteren "Bacchanten" zum Betteln und Stehlen abgerichtet und schamlos ausgenützt. Sieben Jahre dauerte dieses Vagantenleben, in dessen Verlauf Thomas Platter nicht viel Gutes lernte.

Den ersten Ruheort fand Platter in Zürich bei dem Lehrer Myconius. Hier hat sich der bereits achtzehnjährige Scholar auf ein Eckbänklein gesetzt und gedacht, in dem Winkel werde er entweder studieren oder sterben. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzte er sich in die Wissenschaft, lernte als Autodidakt Latein, Griechisch und Hebräisch. Um nachts nicht einzuschlafen, nahm er kaltes Wasser, Rüben oder Steinchen in den Mund. Unter dem mächtigen Eindruck Zwinglis schloss er sich damals dem neuen Glauben an.

Um etwas zu verdienen, lernte er bei Collinus das Seilerhandwerk; daneben studierte er Homer und Pindar, vor allem nachts, manchmal aber auch während der Arbeit. Bald darauf siedelte er nach Basel über. Die 84 Kilometer von Zürich über den Bözberg nach Muttenz legte er in einem Tag zurück. Bei Meister Hans Staehelin, dem roten Seiler auf dem Petersplatz, machte er eine durchaus harte Lehrzeit durch. Auf der Blattgabel hatte er trotzdem die Druckbogen des Plautus, und als ihn der Meister dabei ertappte, tadelte er ihn streng. Die Gelehrsamkeit des neuen Seilergesellen sprach sich jedoch herum, und schliesslich bekam er die Erlaubnis, einigen hohen Herren täglich je eine Lektion Hebräisch zu erteilen.

Bald zog er wieder nach Zürich und vermählte sich dort mit Anna Dietschi; die Hochzeit war so bescheiden, dass die Leute am Nebentisch nicht merkten, dass ein Brautpaar anwesend war. Einige Zeit lebte das junge Paar in Visp, wo Platter als Seiler und Lehrer tätig war. Der Bischof von Sitten trug ihm das hohe Amt eines Schulmeisters der Landschaft Wallis an, doch lehnte Platter aus Glaubensgründen ab. Wiederum zog er, diesmal sein halbjähriges Töchterlein auf dem Räf tragend, nach Basel und nahm hier eine Lehrerstelle am Gymnasium an. Bald darauf treffen wir ihn jedoch als Diener des bischöflichen Leibarztes in Pruntrut, bei dem er viele medizinische Kenntnisse erwarb.

Eine Zeitlang war Thomas Platter auch als Drucker tätig und konnte dabei die Grundlage zu seinem Wohlstand legen. Das berühmteste Werk aus seiner Offizin war Calvins "Institutio" (1536). Als das Geschäft zurückging, liess er sich 1544 von den Ratsherren dazu überreden, seine Lehrerstelle am Gymnasium wieder zu übernehmen, diesmal als oberster Schulmeister, als Rektor "auf Burg". Mit der ihm eigenen Energie organisierte er die alte Lateinschule neu. Als Lehrer war er ungewöhnlich anspruchsvoll und streng; falsche Antworten wurden mit Körperstrafen geahndet. Auch sein Sohn Felix sowie der Chronist Wurstisen wissen davon zu berichten. Dafür wurde jedoch das höher gesteckte Lehrziel erreicht.

Zur festen Niederlassung in basel gehörten auch der Eintritt in eine Zunft und der Erwerb dreier Häuser an der Freien Strasse (Nr. 90 bis 94, auf dem Areal des Schilthofes). Kaum hatte er die riesige Summe abbezahlt, stürzte er sich 1549 in neue grosse Schulden, indem er von Ulrich Hugwald für 660 Gulden das Gut in Gundeldingen kaufte, wozu er alles Geld aufnehmen musste. Das grosse Landgut, das mit Quellen reich gesegnet war (daher der Name "Brunnmatt"), kostete ihn überdies viel Zeit und Kraft, besonders während des Ausbaus, wo er alle Tage einmal oder mehrmals zur Kontrolle der Arbeiter hinauszog.; schon flüsterten die Neider, seine Schularbeit müsse darunter leiden, doch gelang ihnen der Beweis nicht. Zur Bewirtschaftung bestellte Platter einen "Meier" samt Ehefrau sowie verschiedene Hilfskräfte.

Nachdem die Pest die drei Töchter Platters hingerafft hatte, blieb ihm als einziges Kind der 1536 geborene Sohn Felix, auf den er nun alle seine väterliche Liebe häufte. Dieser Sohn sollte, was ihm selbst nicht vergönnt war, ein berühmter Arzt werden. Er bahnte ihm den Weg und suchte für ihn schon früh die passende Frau aus. Nach dem Tod seiner arbeitsamen Gemahlin, 1572, verheiratete sich Thomas gleich darauf trotz seines hohen Alters nochmals und zeugte in dieser zweiten Ehe noch sechs Kinder. 1578 trat er nach 37jähriger Tätigkeit von seinem Amt zurück und starb 1582 auf seinem geliebten Landgut.

Die Briefe des Vaters an seinen 1551 bis 1557 im Ausland weilenden Sohn geben uns ein einzigartiges Bild des bunten Treibens in Gundeldingen. Mit dem Stolz eines echten Bauern berichtet Thomas Platter: "...satis feliciter nobis omnia succedunt. Wier hand vill höw inbracht, gantz vill chriesen, vill öpfell und zymlich byren..." oder: "Han 4 vaccas, 4 vitulos, et asinum, domi duas capras, duos anseres, octo sues, foris gallinas circiter 30, gallos 2, columbas 14, müß und ratzen weiß nit wie vill." Zahlreiche frohe und traurige Erlebnisse der Familie Platter sowie der Schüler und Pensionäre sind mit diesem Landgut verknüpft; für den Walliser Bauernsohn war sein Anwesen ein irdisches Abbild des Paradieses.

Quellen:

  • Lötscher, Wolf-Heidegger, Lauber 1966
  • http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Platter,_Thomas_(Humanist)

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