Die Schattenseiten der guten alten Zeit

Viele von uns bedauern beim Betrachten der alten Bilder das Verschwinden alter Bausubstanz und der damit verbundenen Einrichtungen und Lebensgewohnheiten. Wir neigen zu romantisierten Vorstellungen von damals und Tagträumen von dieser anderen Welt; dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass vor hundertfünfzig bis zweihundert Jahren nicht alles besser war. Was uns moderne Menschen im alten Basel wohl am meisten bedrücken würde, wäre der Mangel an Hygiene. Eine Kehrichtabfuhr gab es noch nicht; wer nicht am Rhein oder am Birsig wohnte, stapelte seine Abfälle im Höfchen hinter dem Haus auf. Auch viele Tiere wurden dort gehalten: Geflügel, Schweine, Kühe, Schafe, Ziegen und die unentbehrlichen Reit- und Zugpferde. Diese und auch die Kühe wurden mitten in der Stadt noch am Brunnen "zur Tränke" geführt, so dass gewisse Strassen zeitweise "wie Misthaufen" aussahen.

Auch das schlechte Kopfsteinpflaster der Strassen würde uns stören, jeder Karren rumpelte deshalb bedenklich. Noch unangenehmer aber würden uns die vielen üblen Gerüche auffallen. Dem Flüsschen Birsig traute man nämlich zu, dass es sämtliche Abortabläufe und Kehrichthaufen der Anwohner in sich aufzunehmen und wegzutragen vermöchte. Weiter unten wurden auch noch die Abfälle des Schlachthauses hineingeworfen. Da es für gewöhnlich nur wenig Wasser führte, blieb das meiste an seinen Ufern längs der Häuserreihen liegen. Wenn man im Winter dann zudem noch den Schnee von den Strassen hineinschüttete, war die Katastrophe vollkommen, weil er das wenige Wasser staute. Die Abortabläufe waren überhaupt eine missliche Angelegenheit. Die "Dolen" versickerten teilweise in undefinierbare Tiefen, wie zum Beispiel beim Abortturm am oberen Spalenberg, an dessen Mauern die "Aborte der umliegenden Häuser gleich Schwalbennestern klebten". Auf der Kleinbasler Seite führten die Abläufe gar als offene Bächlein in den Rhein.

Ebenso mittelalterlich war die Wasserversorgung. Man holte das Wasser am Brunnen, und auch die Wäsche wurde dort gespült. Gekocht wurde sie im Waschhaus, wohin man das Wasser ebenfalls vom Brunnen holen musste. Die Wäscherinnen traten bereits morgens um drei Uhr an, um die berühmte Lage aus Buchenasche zuzubereiten, auf die jede Basler Hausfrau so ungemein stolz war. In der Küche stand das Wasser in einer Reihe von Kupferkesseln, die jeden Morgen aufgefüllt wurden. Die Schüttsteinabläufe gingen vielfach durch die Mauer einfach ins Freie hinaus. Es konnte also leicht vorkommen, dass ein Vorübergehender das ganze Abwaschwasser auf den Kopf bekam, wenn die Hausfrau eben ihr Geschirr wusch!

Der bauliche Zustand der Häuser war teilweise erschreckend. Während heutzutage säuberlich darauf geachtet wird, dass Altstadtliegenschaften gut dastehen, fehlte zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Geld für Instandstellungen und Renovationen. Nachdem die Basler Revolution von 1798 die Stadt enorme Summen gekostet hatte, drückten im späteren Verlauf Kriegssteuern der französischen Armee, allgemeine Teuerung und der Wegfall bestimmter Einnahmesteuern (z.B. Pfundzoll) die Einkünfte drastisch; zudem mutete man während der Mediation (1803-1815) der Stadt zu, mit jährlich 60'000 Franken zu haushalten. Bereits während der Revolutionsjahre waren schon viele Bauwerke vernachlässigt worden, es gab sichtbare Gebrechen an Festungswerken und Stadtgräben und Strassen. Was die Aquarelle von Neustück, Schneider, Guise oder Winterlin beschönigen, können Höflingers oder Varadys Photographien nicht verbergen: Marodes oder schiefes Mauerwerk, beschädigte Straßenabschnitte und Schmutz gehörten zum alltäglichen Stadtbild.

Fortsetzung folgt

Quellen:
  • Lendorff 1956: 10f.

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