Stadtcasino am Steinenberg

Bis nach 1800 spielte sich das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Stadt in den Zunfthäusern, im Collegium des Augustinerklosters und im Ballenhaus ab. Doch die Tanzsäle und Speisezimmer der Zunfthäuser lagen etwas weit auseinander, waren klein und stets mit Staub und Dunst verpestet. Der von der Universität zur Verfügung gestellte Konzertsaal im Collegium konnte nur auf "halsbrechendem Zugang" betreten werden, und der bauliche Zustand des Schauspielhauses im Ballenhaus war bedenklich schlecht. Ausserdem genügten alle vorhandenen Säle in hygienischer Hinsicht nicht mehr; diese ungünstigen Verhältnisse waren wenig geeignet, die immer lockerer werdenden freundschaftlichen Bande unter der Bürgerschaft zu festigen. Daher erachteten es die Initianten als wünschenswert, dass Basel, die damals grösste und wohlhabendste Stadt der Schweiz, ein bürgerliches Gesellschaftshaus erhielt. Es galt, für "die öffentlichen Vergnügen, die in sittlicher Hinsicht unter die gefahrlosesten gehören, und durch die der Hang zu niedern Gewohnheiten, vielleicht auch die so sichtbar überhand nehmenden Gemüthskranckheiten und Schwärmereyen gesteuert werden könnten", eine Gebäulichkeit zu schaffen, die "den gedeihlichen Fortgang der bürgerlichen Verhältnisse und den Geldumlauf in unserer Stadt befördern und zudem zu einer Versöhnung der bürgerlichen Stände Basels" führe.

Ansicht des Stadtcasinos
Ansicht der Birsigbrücke und des Stadtcasinos, dessen dreiteiliger, symmetrischer Aufbau schön zur Geltung kommt. Zeichnung nach einem Aquarell von J.J. Schneider (um 1860).
Bild: © Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 5-19-5
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt

Nun ergab der Abbruch der Befestigungsanlagen am unteren Steinenberg im Jahr 1820 für die Stadt einen günstig gelegenen Bauplatz für die Errichtung eines kulturellen Zentrums. In der Absicht, auf dem leer werdenden Raum zwischen dem Esel- und dem Wasserturm ein Gesellschaftshaus mit Schaubühne, Konzert-, Ball-, Gesellschafts- und Speisesälen zu errichten, hatte sich eine Kommission gebildet. Das Unternehmen wurde durch Aktien à 400 Franken finanziert, da die Regierung einen Zuschuss aus der Staatskasse ablehnte. Mit der Ausarbeitung der Pläne wurde, unter Verzicht auf den Einbezug eines neuen Theaters, der erst zwanzigjährige, beim berühmten Karlsruher Architekten Weinbrenner in der Ausbildung stehende Melchior Berri beauftragt. Die Grundsteinlegung auf dem vom Staat kostenlos abgetretenen Bauland fand am 26. Juni 1824 und die Einweihung des von den Maurermeistern Achilles Huber und Remigius Merian und den Zimmermeistern Ch. Eglin und Franz Gessler erbauten zweigeschossigen Stadtcasinos am 3. Februar 1826 statt. Architekt Berri, der ein Honorar von Fr. 5000,- in Rechnung gestellt hatte, wurde mit 40 Louisdors à 16 Schweizer Franken abgespiesen, "was er aber stillschweigend dahinnahm. Diese Herren legten noch zu den 40 Louisdors in die Waagschale das Glück, durch diesen Auftrag Gelegenheit gehabt zu haben, bekannt zu werden". Nach nur zweijähriger Bauzeit also stand das wohlproportionierte klassizistische Haus in schlichter Eleganz den musischen Künsten offen. Und "niemand aus der anspruchsvollen Musikliebhaberschaft" fühlte sich im Kunstgenuss ernsthaft beeinträchtigt, "wenn es vom offenen Birsig herauf etwas widerwärtig schmeckt".

Ansicht des Stadtcasinos
Ansicht des Stadtcasinos und des Musiksaals mit Zwischentrakt.
Bild: © Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 4-73-1
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt

Berris Casino war auf den neu angelegten Steinenberg ausgerichtet und trat als dreiteiliger, zweigeschossiger Baukörper mit einer symmetrischen Fassade in Erscheinung. Ein Mittelteil hob sich durch Erhöhung und vertikale Mauergliederung von den niedrigen, dreiachsigen Seitentrakten ab. Während das Erdgeschoss einen grossen, von dorischen Säulen unterteilten Speisesaal und einen kleinen gewölbten Speisesaal barg, wies das Obergeschoss des Mittelpavillons einen Konzert- und Ballsaal auf, der von Nebenräumen, darunter Buffet, Konversationszimmer und kleinem Tanzsaal, umgeben war. Die Gesellschaftsräume waren äusserst bescheiden dekoriert, die Wände wiesen teils Draperien, teils Marmor imitierende Malereien in hellen Pastelltönen auf, und in den Räumen standen gusseiserne Öfen, während die Säle geschmückte Kachelöfen aufwiesen. Das Erstlingswerk Berris ging als "Hauptwerk des blockhaften, strengen Karlsruher Klassizismus, der etwas durch die französische Eleganz gemildert wird" in die Schweizer Kunstgeschichte ein.

Wenige Jahrzehnte später erwies sich der Konzertsaal des Casinos als zu klein, so dass er 1856 von Johann Jakob Stehlin d.J. erweitert und umgebaut wurde. Dennoch verstärkte sich schon bald der Wunsch nach einer an das Casino anbindenden "Tonhalle". Ausserdem erwies sich die Kapazität des Konzertsaals, in welchem Brahms und Liszt begeisterten, bald als zu gering; über den Musiksaal soll jedoch in einem separaten Artikel berichtet werden.

In den 1930er-Jahren wurden anlässlich einer neuen Verkehrsplanung Baulinien festgelegt, die einen verbreiterten Zugang zum Barfüsserplatz vorsahen. Da der Westtrakt des Casinos für die geplante Regelung ein Hindernis darstellte, sich das Gebäude in einem renovationsbedürftigen Zustand befand und die Casino-Gesellschaft zusätzliche Platzbedürfnisse anmeldete, wurde der Bau Berris samt Zwischentrakt zum Musiksaal 1938 abgebrochen, und Rundbogenfenster, dorische Säulen und ionische Pilaster mussten der Baukunst einer neuen Zeit weichen. Ihren Verlust beklagte Theobald Baerwart in Wehmut mit der Strophe: "Du edle Bau vom Berri, jetz griegsch au du der Tritt, doch 's Zyghuus nimmt di zärtlig in Altstadt-Himmel mit!" Das durch die Architekten Kehlstadt und Brodtbeck zur Ausführung gelangte neue, in seiner Ausstattung ausgesprochen konservative und zweckrationale Stadtcasino konnte am 16. Dezember 1939 seiner Bestimmung übergeben werden, und ein Jahr später hatte auch Alfred Heinrich Pellegrini seine kritisch beurteilten Wandmalereien an der Nordfront abgeschlossen. Der Neubau, der im Obergeschoss einen Festsaal beherbergt, schliesst mit einem Foyer an den alten Musiksaal an, dessen westlicher Haupteingang zugunsten der längsseitigen Eingänge aufgehoben wurde.

Quellen:
  • Meier 1995: 148f.
  • Nagel/Möhle/Mennes 2006: 503ff.