Umwandlung der Befestigung in Grünflächen

Mehr als 450 Jahre umgab der dritte und letzte Mauerring schützend die Stadt Basel. Aeneas Sylvius allerdings, dem wir eine erstaunlich präzise Beschreibung unserer Stadt und ihrer Bewohner verdanken, urteilte: "Die Ringmauern und Bollwerke möchten kaum eine, kriegerischen Angriff oder einer regelrechten Belagerung Stand halten." Zum Glück hatte die Befestigung in den folgenden Jahrhunderten nie ihre Wirksamkeit unter Beweis zu stellen. Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Raummangel der Abbruch der Befestigung erwogen wurde und man sich über ihren geringen militärischen Wert durchaus im Klaren war, konnten sich trotzdem viele Bewohner mit der Vorstellung einer entfestigten Stadt nicht abfinden. Dies kommt am deutlichsten darin zum Ausdruck, dass man 1844 den Bahnhof der neu eröffneten Linie Basel-Mülhausen innerhalb des erweiterten Mauerrings auf dem Areal des Schällemätteli errichtete. Kein Geringerer als Melchior Berri entwarf das Eisenbahntor, das nachts verschlossen wurde. Die Bedeutung und auch Gefahr, die man in der übrigen Schweiz dieser Eisenbahnlinie beimass, mag die Frage an der Tagsatzung, ob Basel im Stande sei, die Neutralität weiterhin zu schützen, zeigen. Den Ausschlag für den Abbruch der Befestigung gab dann schliesslich nach leidenschaftlich geführten Debatten doch das neue Verkehrsmittel Eisenbahn. Der Bau der Centralbahn und ihres Bahnhofs an der Stelle des heutigen Bundesbahnhofs machten eine grosszügige Verkehrsverbindung zur Stadt nötig. Das dazu geschaffene Gesetz vom 27. Juni 1859 lautet: "Zur Herstellung angemessener Verbindung zwischen den äusseren neuen Quartieren und der inneren Stadt durch Strassen und öffentliche Plätze ist der kleine Rat ermächtigt, da wo es das Bedürfnis erheischt und die Verhältnisse es passend erscheinen lassen, die Stadtgräben je nach seinem Ermessen auszufüllen und neue Stadteingänge herzustellen, auch die bisherigen Stadtmauern nebst daranliegenden Schanzen ganz oder teilweise zu beseitigen." Als erstes wurde dann auch der Stadtgraben zwischen dem Aeschentor und Steinentor aufgefüllt und das Aeschenbollwerk beseitigt.

Die Neuanlage und Korrektion von Strassen und das Bauen an denselben wurde im Gesetz vom 29. August 1859 geregelt. Schon jahrelang hatten Spekulanten auf den Abbruch der Stadtmauer und das Auffüllen der Gräben gedrängt. Was in den folgenden Jahrzehnten städtebaulich auf dem "Neuland" geleistet wurde, erfüllt uns heute noch mit Bewunderung. Anstelle der aufgefüllten Stadtgräben und Mauern entstanden breite Boulevards mit Grünanlagen. Für ihre Gestaltung zog Ratsherr Karl Sarasin 1866 den Gartenarchitekten C. von Effner aus München bei und schuf die Stelle eines Stadtgärtners. Schöne Beispiele solch grosszügiger Anlagen waren der Aeschengraben und die St. Albananlage. Bei beiden sind die gediegenen spätklassizistischen und neobarocken Villen und Reihenhäuser bis auf einige wenige durch moderne Wohn- und Geschäftsbauten ersetzt worden. Um die Neugestaltung des Gebiets östlich vom Aeschentor machten sich Bürgermeister Johann Jakob Stehlin d. Ä. und Ratsherr Karl Sarasin besonders verdient. Ihr Plan war es, den Platz vor dem Aeschentor als eigentliche repräsentativen Stadteingang zu gestalten. Schon 1857 hatte Bauinspektor Amadeus Merian die Aufgabe zugewiesen bekommen, den Platz vor dem Aeschentor zu gestalten. Merian, der bei seinem Projekt das Aeschentor stehen lassen und in die Planung einbeziehen wollte, erzählt in seinem lesenswerten Memoiren folgende Begebenheit: "Eines Tages kam Herr Ratsherr Stehlin als Vizepräsident des Baukollegiums zu mir auf das Baubureau, um die in Arbeit befindliche Disposition der Umgebung des Aeschentors zu besichtigen. Als er dieselbe angesehen, sagte er: 'Dies ist keine architektonische Lösung, wissen Sie was, die Quartiere und die Strassenanlagen um die grosse Stadt überlassen Sie mir, diejenigen der kleinen Stadt überlasse ich Ihnen'."

Begreiflicherweise äussert sich Merian in seinen Memoiren voll Bitterkeit über Vater und Sohn Stehlin. Musste er sich doch, der mit dem Café Spitz und dem Hotel Drei Könige glänzende Beweise seines Könnens geliefert hatte, während seiner Amtszeit als Bauinspektor seine Pläne von Vater Stehlin kritisieren lassen. Als Merian von der Regierung beauftragt wurde, Pläne für ein neues Postgebäude an der Freien Strasse auszuarbeiten, gelang es Stehlin sogar, ihn auszuschalten und den Auftrag seinem Sohn zuzuschanzen. Dieser erbaute dann auch die meisten Villen im Gellert und viele Staatsbauten. Wenn auch das ganze rücksichtslose Treiben der beiden Stehlins unsympathisch ist, so muss man gerechterweise doch zugeben, dass der jüngere Stehlin die neuen städtebaulichen Aufgaben, die vielleicht doch Merians Begabung überstiegen hätten, vorzüglich gelöst hat.

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