Engelsburg am Rossmarkt

Bis Mitte der 1890er Jahre lag die Engelsburg, "ein Juwel bürgerlicher Baukunst" zwischen dem Rossmarkt und der heutigen Theaterstrasse. Die Liegenschaft war erst die letzten 150 Jahre ihres Daseins eine Wirtschaft. Erster bekannter Besitzer war Bartlome der Weber, der 1486 "von siner Bleichin" fünf Schilling dem städtischen Zinsamt ablieferte. Seine Nachfolger auf der Bleiche widmeten sich ebenfalls dem Weberhandwerk. Bekannt unter dem Namen "Engelsburg" ist das Haus seit 1668.

Engelsburg
Die Engelsburg und das Ballenhaus am Rossmarkt, links die Kohlenbergbrücke. Reproduktion eines Aquarells von J.J. Schneider, ca. 1850.
Bild: © Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 4-90-2
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt

Mit ihrem sechseckigen, gegen den Birsig stehenden Treppenturm dürfte die Engelsburg von Bürgermeister Johann Rudolf Faesch (1572-1659) in Auftrag gegeben worden sein, vermutlich als Neubau auf dem Boden der vormaligen Liegenschaft Bartlomes. Faesch, Vater von 16 Kindern, brachte es durch ein florierendes Speditionsgeschäft zu Reichtum. Fünf Jahre vor seinem Tod errichtete der erfolgreiche Handelsherr und Politiker für verarmte Nachkommen einen Unterstützungsfonds zur Ausbildung der Kinder und zum Wohle der Kranken, der immer noch besteht. Seine Erben veräusserten das stattliche Anwesen 1668 dem Wollweber Emanuel Hoffmann. Dieser Verkauf trug dem Haus historischen Ruhm ein, wurde in seinen Mauern doch die Basler Seidenbandmanufaktur eigentlich geboren und damit die industrielle Entwicklung der Stadt eingeleitet. Denn gegen Ende der 1660er Jahre gelang es Hoffmann, heimlich einen Mühlstuhl aus Holland auszuführen und in Basel in der Engelsburg zu installieren. Das gefiel den Zünften natürlich nicht, denn sie sahen sich in ihrer Existenz bedroht und verlangten 1670 die Abschaffung des "teuflischen Gewerbes". Auf den althergebrachten Webstühlen konnte nur ein Band auf einmal gewoben werden, während auf dem Holländerstuhl gleichzeitig bis zu 16 Bänder fabriziert werden konnten. In weiser Voraussicht schloss sich der Rat aber dieser Aufforderung nicht an; er verlangte eine Steuer, das "Stuhlgeld". Trotz dieser Steuer vermehrten sich die Webstühle rapide: 1670 waren es 369 einfache, 1754 schon 1238 meist 16gängige Kunststühle, so dass ein ungarischer Graf nach Hause schrieb: "Sehr grosse Neuigkeiten gibt's hier in Basel nicht, denn was es gibt, interessiert nur die Kaufleute, da es eine grosse Handelsstadt ist. Sie weben die vielen Bänder und schicken sie nach Siebenbürgen und nach anderen Richtungen und gewinnen die vielen Tausend Goldstücke daraus."

Engelsburg
Die Engelsburg, an der Ecke heutige Theaterstrasse/Stänzlergasse, lag direkt am Birsig. Im Vordergrund die Klosterbergbrücke, auch Steinenbrücke genannt.
Bild: © Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 4-91-1
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt
Engelsburg
Die Engelsburg im Jahre 1870 von der Seite des unteren Klosterbergs her gesehen..
Bild: © Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 2-80-2
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt

1743 verkaufte die Familie Hoffmann die Engelsburg dem Buchhändler Johann Rudolf Thurneysen. 1776 vertauscht Hans Heinrich Beck, Direktor der Kaufmannschaft, sein Haus zum Wilhelm Tell an der Aeschenvorstadt gegen das Haus bei der Birsigbrücke im Besitz der Witwe Salome Burckhardt-Thurneysen. Als letzter prominenter Besitzer erwirbt und bewohnt der Baumeister Achilles Huber, Erbauer der Villa im Margarethenpark, für einige Jahrzehnte die Engelsburg. Dann wurde das ehrwürdige Haus zu einer "Wein-, Bier- und Speisewirthschaft" umgebaut. 1897 wurde die Engelsburg schliesslich abgebrochen, und auf ihrem Grundstück entstand der Gasthof "Rütli", der später die Namen "Falken" und "Merkur" trug. Der Tod des legendären Schneider Röslis, der letzten Wirtin, bewirkte 1985 die Schliessung des während Jahren als beliebte "Gewerbler- und Fasnachtsbaiz" geführten Restaurationsbetriebs.

Quelle: Meier 1972