Henkerhaus am Kohlenberg

Das Henkerhaus
Bild: © Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 4-74-3
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt

Seit frühesten Zeiten galt die ursprünglich ausserhalb der Stadtmauer gelegene Anhöhe gegenüber St. Leonhard als unumschränktes Reich der Henker, Totengräber, Bettler, Dirnen, Zuhälter, Landstreicher, Sackträger, Kloakenreiniger und des fahrenden Volkes. Nicht umsonst schrieb Sebastian Brant um 1500: "Zu Basel auf dem Kohlenberg, da treiben sie viel Bubenwerk". Den Unterhalt ihres ausschweifenden Lebens sicherten sich die von der bürgerlichen und christlichen Gesellschaft Ausgestossenen durch allerhand Gaunereien und aufdringlich betriebenen Bettel in der Stadt. Jeweils am 24. und 25. Juli fanden sie sich unter der Gerichtslinde bei Wein und Tanz zur Kilbe und zum Feiern der Bettlerhochzeiten zusammen. Am liebsten setzten sich die Kohlenberger in die Kirchen, um penetrant an die Mildtätigkeit der Gläubigen zu appelieren, was 1429 zum Ratsbeschluss führte, dass im Münster weder sitzend noch liegend nach Almosen gebeten werden dürfe, sondern nur im Kreuzgang und an der Türe.

Unter diesen "schnöden Leuten, fahrenden Töchtern, Frauenwirthen, Blinden, Lahmen, Bettlern und Totengräbern"1 nahm der Scharfrichter eine besondere Stellung ein. Die Sündhaftigkeit seines Gewerbes machte aus ihm den unehrlichsten der Unehrlichen, "weil es dem natürlichen Gefühl widerstrebt, dass sich ein Mensch dazu hingibt und gleichsam sein Geschäft daraus macht, andere Leute ums Leben zu bringen".2 Aus diesem Grund wurde jeglicher Kontakt mit dem Henker vermieden. Er durfte weder auf dem Markt die Lebensmittel noch das Werkzeug eines anderen berühren. Nur mit Erlaubnis der anderen Gäste war es ihm erlaubt, ein Wirtshaus zu betreten. In der Kirche wurde ihm ein spezieller Platz zugewiesen, und das Abendmahl durfte er sich erst als Letzter geben lassen. Nach seinem Tod war es schwer, ehrliche Männer als Sargträger zu finden.

Aufgabe des Henkers war - selbstredend - die Vollstreckung der Todesstrafe, sei es auf dem Marktplatz, auf den Richtstätten vor den Toren der Stadt (z.B. die "Kopfabhaini"), bei Kirchweihbesuchen oder in einer anderen Stadt, die nach seinen Diensten verlangte. Wollte er sein Amt loswerden, so hatte er Busse zu tun und sich zu bekehren. Seine Einkünfte bestanden aus freier Wohnung, samt Scheune, Stallung und Krautgarten, Holz, Korn, Hafer, Manteltuch und einem Wochenlohn. Hinzu kamen für Exekutionen oder für das Rädern, Pfählen, Sieden, Blenden, Ohrenabhauen, Schwemmen, Handabschlagen, Zungenausschneiden, Zangenpfetzen und Rutenschlagen besondere Entschädigungen, gemäss den in der Taxordnung aufgeführten Ansätzen. Der Nachrichter hatte aber offenbar einem Nebenerwerb nachzugehen, um sein Leben "standesgemäss" fristen zu können. Er bediente sich dabei nacht alter Sitte des Arznens, für welches die Henker eine besondere Vorliebe hegten. Kopf und Gehirn eines Gehängten oder Geräderten galten als zauberhafte Heilmittel, wie aauch die Henkerstropfen und das aus Knochen und Haut gesottene Armsünderfett. "Die vom Volk zu dunkler Nachtzeit unter Wahrung vollster Inkognitos oft beanspruchte zauberkundige Heiltätigkeit des Scharfrichters war besonders den Herren Professoren der Universität ein schmerzender Dorn im Auge. Die medizinische Fakultät trat deshalb anno 1772 mit einem ausführlichen Memorandum gegen das Arznen des Nachrichters vor den Rat: Die ältesten und gelehrtesten Ärzte hatten als unwiderlegte Grundwahrheit angenommen, dass nur jene berufen seien, mit dem Segen Gottes den Kranken zu helfen, welche durch Studium eine genaue anatomische Kenntnis des menschlichen Körpers (...) erworben hätten. Weil Scharfrichter auch nicht mit der botanischen, chemischen und pharmazeutischen Wissenschaft vertraut seien und mit der Abgabe von "treibenden Arzneyen" nicht zögerten, brächten sie vielen Menschen Unheil und Schaden. So war die Obrigkeit fortan besorgt, dem Antrag der Gelehrten nicht immer erfolgreich folgend, dass die Kranken sich in des Henkers Wohnung keine Wickel, Kräuter, Bluste und Wasser holten."3

Die von Pferdestall, Hundezwinger, Abhäutekammer und Schöpfen umrankte Wohnstätte des Scharfrichters lag an der bis 1861 Henkersgässchen genannten Abzweigung Kohlenberggasse und Kanonengasse. Bei einer Bluttat sollen jeweils die beiden in einem Glasschrank verwahrten Richtschwerter von selber geklirrt haben. 1392 wurde das "Hus, da der Nachrichter inne ist", als zwischen den Häusern des Johann Bondorf und zum Refe liegend beschrieben. Eigentümer der Liegenschaft, die anno 1500 bezeichnenderweise den Namen zur Wildsau trug, war der dem Spital und der Barfüsserkirche zinspflichtige Rat. Als letzter der seit Peter Agstein anno 1374 namentlich erwähnten 34 Amtsinhaber versah Peter Mengis die öffentliche Funktion des Henkers (die übrigens erblich war). Nach seinem Rücktritt am 30. Juni 1838 verzichtete die Obrigkeit auf eine weitere Besetzung des Scharfrichterpostens und zog für allfällige Exekutionen und Körperstrafen einen Auswärtigen zu.

Die letzten Hinrichtungen in Basel wurden am 4. August 1819 vollzogen, als auf der Kopfabhaini vor dem Steinentor drei Raubmörder durch das Schwert vom Leben zum Tod gebracht wurden. Das alte Henkerhaus, das in renoviertem Zustand an ein idyllisches Pfarrhaus erinnerte, ist 1857 durch das Mädchenschulhaus St. Leonhard ersetzt worden.


1 Meier, Eugen A.: "Basel einst und jetzt", Buchverlag Basler Zeitung, Basel 1995, S. 168
2 ebda., S. 168
3 ebda., S. 168

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